Wohnst du schon oder haust du noch? Oder: Ein unmoralisches Angebot?
Der schrullige, todkranke Bobo hat etwas, was das junge Paar Coordt und Franziska mit ihrem kleinen Sohn Frieder nicht hat, nämlich eine schöne, ja luxuriöse Wohnung. Und das mitten in München. Darum kann er Forderungen stellen. Denkt er, und tut es auch. Nicht genug, dass die Miteigentümerin das begehrte Appartement gleich zusammen mit dem unliebsamen, abgelegten Ehemann, der dort weiterhin einen abgetrennten Bereich bewohnt, vermietet hat. Nicht genug, dass die junge Familie sich mit einem zunächst seltsam unsichtbaren Mitbewohner zu arrangieren hat.
»Ziehen Sie hier ein, mache ich Ihnen das Leben zur Hölle. Sie werden ihr Feuer zu spüren bekommen«, hatte Bobo Coordt schon bei der Besichtigung gewarnt. Und weil die Hölle immer die anderen sind, tritt dies in aller Unerbittlichkeit ein. Als die Vermieterin ihren Anteil an den Exmann verkauft, fordert dieser den sofortigen Auszug von Coordt, sonst würde er der Familie kündigen. Bleibt Franziska dagegen allein mit Frieder und kümmert sich um den Todgeweihten, erbt sie nach dessen Ableben zur »Belohnung« die Wohnung. Eine Art unmoralisches Angebot also, verbunden mit einer scheinbar zu vernachlässigenden Trennung auf Zeit. Entweder hopp oder top – Diskussionen über diese Bedingung sind unerwünscht.
Da die Enge der ehemaligen Wohnsituation bzw. die angespannte Immobilienlage die Ehe des jungen Paars zuvor schon in eine Krise gestürzt hatte und Franziska um keinen Preis der Welt ausziehen möchte, willigt Coordt schweren Herzens ein. Seine Familie sieht er fortan nur noch am Wochenende, auf dem Spielplatz, an Feiertagen. Ein zermürbendes Spiel um Nähe und Distanz beginnt. Und das zähe Ringen um eine Liebe, die dem Untergang geweiht scheint.
Buchholz’ Roman präsentiert sich als ruhiges, zugleich wuchtvolles Kammerspiel. Auf Passagen der Suspense (was tut der unsichtbare Mitbewohner in seinem Bereich, wann und wie wird er je in Erscheinung treten?) folgen solche tiefer Verzweiflung der Eheleute über die aufgezwungene Trennung und die zunächst kaum spürbare, aber unaufhaltsame Entfremdung voneinander. So abwegig, fast zynisch der Plot zunächst wirken mag, berührt er doch eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, auf das die Politik eine Antwort finden müsste; allein, dass diese immer wieder in einem blinden Fleck verschwindet. Denn es geht hier nicht um ein »armes« Paar, sondern um eines der Mittelschicht. Coordt verdient gut, aber nie ausreichend für die explodierenden Mietpreise in München, die hochsensible Franziska möchte Mutter sein, sich aber auch beruflich verwirklichen, der kinderlose, kranke, aber reiche Bobo, erzwingt sich eine familiäre Bindung, die man mit Geld eigentlich nicht kaufen kann. Eine gleichsam experimentelle Anordnung, vorgetragen in klaren Sätzen und schlichter Sprache. Mit fatalem Ausgang, für alle Beteiligten. Und eine Lektüre von bleibendem Eindruck.
Buchtipp von Astrida Wallat
