Bei den Krabben … (4,5 von 5 Leselokomotiven)
Wer mich kennt, weiß, dass ich ein ausgemachter Fan von Thomas Olde Heuvelt bin. Er ist einer der wenigen Autoren, von denen ich guten Gewissens behaupten kann, dass ich sein Gesamtwerk gelesen habe. Gut, es umfasst bislang nur vier Bände, das schmälert mein Verdienst; dafür sind alle recht dick und komplex. Die Bilanz auch diesmal: Was für ein Leseerlebnis! Mit »Orakel« erweist sich der Autor erneut als absoluter Meister des modernen Horror- und Phantastikromans – der Text ist atmosphärisch dicht, verstörend und dabei so mitreißend, dass man die Seiten praktisch inhaliert.
Es beginnt mit einem mysteriösen Segelschiff, das aus dem Nichts auftaucht – ein beinahe märchenhafter Einstieg, der zugleich eine schaurig-surreale Stimmung schafft. Denn: Auf diesem Schiff gibt es eine Luke, in die Menschen einsteigen, dann jedoch nie wieder zum Vorschein kommen. Wohin sind diese Leute verschwunden? Welche Mächte sind am Werk? Eine Sondereinheit des niederländischen Geheimdienstes schaltet sich ein, die schier aussichtslose und immer irrsinnigere Ermittlung rund um den 13-jährigen Protagonisten Luca Wolf nimmt ihren Lauf …
Was zunächst wie ein klassischer Mystery-Thriller anmutet, entfaltet sich schnell zu einem vielschichtigen, düsteren Albtraum. Heuvelt spielt brillant mit mythischen Motiven, religiösem Wahn, kollektiver Angst und unserer tiefsten Furcht vor dem Unerklärlichen. Das alles mit einer erzählerischen Leichtigkeit, die beeindruckt.
Die Figuren sind lebendig, glaubhaft und durchweg ambivalent, nicht immer ist klar, wer auf welcher Seite steht, ja, was genau eigentlich welche Seite ist. Sehr ausgeklügelt: Mit Robert Grim begegnen wir einem der Protagonisten aus Heuvelts erstem Roman »Hex« erneut. Gealtert, gezeichnet, aber nach den grausigen Ereignissen in Black Spring noch immer bereit, dem Okkulten tapfer entgegenzutreten. Wenn es sein muss, auf eigene Faust.
»Orakel« ist kein Buch, das man einfach nur liest, es ist unheimliches Flüstern im Nacken. Ein Blick in den Abgrund – und manchmal blickt der Abgrund zurück. Dann wird auf schreckliche Weise klar, was es bedeutet »bei den Krabben« zu sein.
Fazit: Erneut ein triumphales Stück Horrorliteratur – intelligent, vielschichtig und erschreckend relevant. Wer »Hex« mochte, »Echo« faszinierend fand und »November« verschlungen hat, wird »Orakel« lieben. Wer Thomas Olde Heuvelt noch nicht kennt – jetzt wird es wirklich Zeit.
Buchtipp von Astrida Wallat
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