Jenseits der Musik

»Am Ende triumphiert immer die Stille, ja, aber wir haben alle ein, zwei Melodien im Kopf, die bleiben, von Generation zu Generation.« So jedenfalls verhält es sich bei der Familie Claessens. Opus 77 des politisch leidgeprüften Komponisten Dimitri Schostakowitsch ist eigentlich ein Violinkonzert. Anlässlich des Begräbnisses ihres Vaters, des berühmten Dirigenten, spielt Ariane Claessens, eine nicht minder berühmte Pianistin, das Stück am Klavier. Die als eine Art Familienchronik dargebrachte innere Erzählung verdeutlicht, dass es sich um ein familiäres Schicksalswerk handelt. Dabei treten bekannte Konstellationen zutage, die sich in ihrer Leidhaftigkeit jedoch immer wieder neu ordnen: Ein (über)mächtiger genialischer Vater, dem sich die ihrerseits hochbegabte, aber unglückliche Mutter Yaël unterordnet bis zur Selbstvernichtung. Dazwischen zwei (Wunder-)Kinder, deren Welt auf den Saiten der Violine bzw. der Tastatur des Klaviers liegt und die in Ichbezogenheit einerseits sowie in wechselseitiger Abhängigkeit miteinander musizieren. Jenseits der Suche nach dem perfekten Klang sind die Claessens eine toxische Familie, in der es wenig Raum und aus der der es keinen Ausweg zu geben scheint. Ariane behilft sich mit heißer Hingabe an die Musik versus Unterkühltheit, teilweise Zynismus, gegenüber der Welt: »Ich bin der komplizierteste, perfekteste Automat, der je von Menschenhand geschaffen wurde.« Abgesehen von der tiefen, beinahe inzestuösen Beziehung zu ihrem Bruder sind die Männer in ihrem Leben austauschbare Objekte der Begierde. Der schonungslosen Härte des Musikbetriebs hat sie sich unterworfen und über sie triumphiert. Den Vater (in ihm springen einem die Karajans, Mutis, Kleibers dieser Welt förmlich entgegen) hält sie auf Abstand (sie nennt ihn nur beim Nachnamen), die in der Psychiatrie lebende Mutter hat sie in Trauer aufgegeben, allein um den Bruder, der sich nach einer selbst provozierten Wettbewerbsniederlage (eben mit Opus 77) in einem Schweizer Bunker verschanzt hat, ringt sie mit aller Kraft: Er ist der Gegenpart, ohne den sie nicht sein kann, das musikalische Pendant, das ihr eigenes Spiel erst perfekt macht. »Sein« Violinkonzert interpretiert sie mit der Wucht der Verzweiflung.

Sicherlich kein einfacher Roman, den Alexis Ragougneau hier vorgelegt hat, aber einer, bei dem sich das genaue Hinhören bzw. -lesen lohnt. Selten wurde die Wahrheit hinter dem Glamour so schonungslos auserzählt und dabei gleichzeitig eine innige Perspektive auf Musikalität wie bestimmte Notentexte eröffnet. Über Musik zu schreiben ist immer schwierig, zwischen diesen Zeilen jedoch kann man ihr lauschen. Und man bekommt dabei durchaus eine Ahnung davon, was es bedeuten mag, eine hochbegabte Interpretin zu sein. Der Roman ist gewissermaßen die perfekte Paraphrase dafür, dass alles seinen Preis hat, besonders das Talent. Auch dafür, dass die Kunst alles zu geben vermag, aber zugleich alles fordert: »Diese verdammten weißen und schwarzen Tasten zu drücken, ist für mich das beste Mittel, nicht unterzugehen und dem Tod die Stirn zu bieten.«

Eine großartige Lektüre für Leser und Leserinnen, die das Besondere suchen und eine hervorragende Gelegenheit, Schostakowitsch kennenzulernen, denn das lohnt allemal.

Buchtipp von Astrida Wallat