Weißt du noch? … (4 von 5 Leselokomotiven)
… und dann: War das wirklich so? Oder doch anders?
Die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Erinnerungen ist eine uralte und eine, die wir alle uns vermutlich bisweilen selbst stellen. Zweifel kommen meist dann auf, wenn das eigene Erleben mit einer zweiten oder dritten Perspektive abgeglichen wird.
Wie schon »Paradise City« zeigt »Memoria« eine Protagonistin in einem Deutschland der nicht allzu fernen Zukunft, wobei die aktuellen Probleme konsequent weitergedacht sind. Der Klimawandel hat zu Hitze, Waldbränden und Überschwemmungen geführt, die soziale Schere sich noch weiter geöffnet. Harriet gehört zur untersten Schicht, wohnt in prekären Verhältnissen, ist nur rudimentär krankenversichert. Einst ein hoffnungsvolles Talent am Klavier, hat sie ihre Fähigkeiten durch eine Handoperation verloren und fristet ihr Dasein als Türsteherin in einem Luxuskaufhaus, wo jeder Artikel mehr kostet als sie selbst in einem Monat verdient. Harriets Vater ist schwer dement, die Mutter kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben, enge Vertraute gibt es eigentlich keine. Ausgelöst durch ein brennendes Haus und eine damit verbundene Begegnung, wird die junge Frau von seltsamen Visionen heimgesucht, die wie Erinnerungsfetzen wirken. Als sie beginnt, der Sache auf den Grund zu gehen, öffnet sie die Büchse der Pandora …
Souverän führt die Autorin durch eine Science-Fiction-Welt, die der unseren zum Teil so ähnlich ist, dass dabei Beklemmungsgefühle entstehen. Harriet umgibt eine geradezu verstörende Einsamkeit, zugleich geht von ihr ein Kampfeswille aus, wie er vermutlich nur Menschen zu eigen sein kann, die eine Sache – in dem Fall das Klavierspiel – einmal mit alternativloser Hingabe und Obsession betrieben haben. Schicht für Schicht legt dieser kluge Thriller Wahrheiten frei, mit denen weder die Protagonistin noch die Leserschaft rechnen konnten.
Obwohl schon seit längerem auf dem Buchmarkt erfolgreich (was ich nicht unbedingt etwas heißen muss), war Zoë Beck für mich eine richtige Entdeckung, die ich jedem und jeder ans Herz legen würde, der oder die anspruchsvolle, gesellschaftskritische Thriller mag. Auch der nächste Roman der Autorin wird sicherlich einen Platz in den Regalen unserer Bücherei zu finden sein. Einfach ein Muss!
Buchtipp von Astrida Wallat
![]()
