Goethe mal anders

Die Versuche, bedeutende historische Persönlichkeiten novellistisch aufzubereiten, sind zweifelsohne zahlreich. Naturgemäß gelingt dies manchmal mehr, manchmal weniger. Ralf Günther lässt nun den alternden Goethe nach Karlsbad reisen (wo er sich tatsächlich 13 Mal aufgehalten hat, wenn auch nicht zum in der Erzählung genannten Zeitpunkt) und dort den Postillon d’Amour für ein fiktives Liebespaar spielen. Da das Dasein kaum eines Menschen so gut erforscht sein dürfte wie das von Goethe, über den sogar eine Tag-für-Tag Darstellung seiner Biographie existiert, ist in gewisser Weise allein das Herstellen eines glaubwürdigen Plotts eine Leistung.

Goethe jedenfalls, bei Günther ein etwas kauziger Alter mit Vorliebe für gutes Essen und interessante Gesellschaft, meint das Leben und die Liebe zur Genüge zu kennen. Da holt ihn auf pikante Weise sein Jugend-Welterfolg »Werther« ein. Und zwar in Form eines unseligen Liebespaars, das sich am Ufer der Tepl nach dessen Vorbild gemeinsam das Leben nehmen möchte, weil die Familien die Verbindung nicht goutieren. Der zufällig vorüberschlendernde Goethe eilt als Retter herbei – und ist ab sofort unfreiwillig dem Schicksal des Paares engstens verbunden. Dabei hat der berühmte Dichter selbst genug Probleme, denn eine seiner Affären am Wegesrand ist nicht folgenlos geblieben, und nun gilt es, gesellschaftlich das Schlimmste zu verhindern. Goethe hat also alle Hände voll zu tun, zwischen Karlsbad, Weimar und Erfurt zieht er Fäden im Hintergrund, erteilt er Ratschläge, veranlasst Abfindungen, tröstet seine Ehefrau und beweint später deren Ableben, ergeht sich in Diskursen über die Differenz von Literatur und Leben – und schafft es schließlich alle Dilemmata zu lösen.

Der Text ist sehr dicht und zweifelsohne raffiniert erzählt, mit ausgeprägtem Sinn fürs Historische und auf Basis einer Recherche, die im Nachwort offengelegt wird. In die Erzählung sind große Lebensthemen Goethes verwoben, wie seine von der Weimarer Gesellschaft abgestrafte Mesalliance zu Christiane, seine geradezu egomanische Abneigung gegenüber Krankheit und Tod, die nicht immer glückliche Rolle als Staatsminister. Sehr lebendig erscheint Christiane als Inbegriff des wahrhaft liebenden, allgütigen Naturwesens, sehr überzeugend das empfindliche soziale Gefüge des 19. Jahrhunderts.

Mir persönlich fehlt etwas ein ironischer Duktus, wie ihn etwas Daniel Kehlmann in »Die Vermessung der Welt« in beispielhaft gelungener Weise angewendet hat. Im Prinzip nämlich ist historischen Persönlichkeiten von Format literarisch nur in dieser Weise beizukommen. Ansonsten ist die Gradwanderung zwischen Schwung und Schwülstigkeit recht schmal. Wenn Goethe am Ende, maskiert als Charon, die Eltern der Liebenden an einen runden Tisch zitiert und über deren Engstirnigkeit zu Gericht sitzt, wirkt das schon etwas überladen und ziemlich realitätsfern. Und dennoch: Diese Erzählung ist ein großer Spaß für alle, die von der Goethezeit fasziniert sind und sich gerne auf fantasievolle Gedankenexperimente einlassen, bei denen man am Ende auch noch etwas gelernt hat!

Buchtipp von Astrida Wallat