»Coraggio! …« (4,5 von 5 Leselokomotiven)
… sagt man in Italien, um jemandem Mut zu machen. Und Mut war etwas, das der Protagonist von Robertso Savianos neuem Werk – in Hinblick auf Umfang und Gewichtigkeit durchaus ein Opus magnum – sicherlich im Überfluss besaß. Die Originalausgabe trägt den Untertitel »Solo è il coraggio!«, was so viel bedeutet wie, dass der Mutige letztlich einsam ist. Eine Tatsache, die die Biographien von Giovanni Falcone wie vieler anderer unermüdlicher Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen auf traurige Weise untermauern. Am 23. Mai 1992 kam der Anti-Mafia-Richter, zusammen mit seiner Ehefrau Francesco Morvillo und drei Männern seiner Sicherheitseskorte bei einem Bombenanschlag von bis dato nie da gewesener Größenordnung ums Leben. Savianos Buch erschien in Italien bereits vor zwei Jahren, also zum traurigen 30-jährigen Jubiläums dieses traumatischen Ereignisses, das sich als »Massaker von Capaci« ins kulturelle Gedächtnis Europas einbrannte.
1986 war Falcone ebenso wie Paolo Borsellino (der wenige Woche später einem Bombenattentat zum Opfer fiel) Untersuchungsrichter im sogenannten »Maxiprocesso« gewesen, der für Furore sorgte, weil zum ersten Mal eine Vielzahl an langjährigen Gefängnisstrafen gegen hochrangige Mafiamitglieder ausgesprochen wurden. Parallel dazu kamen in regelrechten Kriegen unzählige Mitglieder der Justizbehörden zu Tode. Ähnlich erging es Journalisten und anderen, die von einem Italien ohne Mafia träumten. Von Falcone ist ein Ausspruch überliefert, in dem er sich selbst als »cadavere ambulante«, als wandelnden Leichnam, bezeichnete. Ihm war also absolut bewusst, dass es ihn treffen würde, er wusste lediglich nicht, wann und wie. In seinem immer einsamer werdenden Kampf gegen das organisierte Verbrechen ließ er dennoch niemals nach. Bald nämlich stand er der unliebsame Richter nicht nur auf der Todesliste der Mafia, sondern wurde auch in Justizkreisen marginalisiert und von der Bevölkerung kritisiert. Zu komplex ineinander verzahnt waren die verschiedenen Sphären des öffentlichen wie privaten Lebens, als dass man nicht schnell an Grenzen stoßen konnte, die den eigenen Tod bedeuteten. So mancher hätte am liebsten weitergemacht wie bisher, schließlich funktionierte das System aus Korruption, Geldwäsche und eigens definierten Machtstrukturen in sich perfekt.
Die hier angesprochenen Fakten liegen seit Längerem auf dem Tisch; es gibt Untersuchungen und Sachbücher darüber. Savianos Verdienst besteht zum einen darin, die großen Zusammenhänge von der entstehenden Mafiahochburg Corleone nach dem zweiten Weltkrieg bis hin zu den Massakern der 80er/90er Jahre noch einmal detailliert und literarisch gekonnt nachzuzeichnen; zum anderen darin, die Figur Falcones in einer bisher nicht gelesenen Intimität zu präsentieren. Korrekterweise reiht sich das Buch in jene Romanbiographien ein, die auch auf dem deutschen Buchmarkt derzeit so erfolgreich sind. Auf Basis profunder Sachkenntnis eröffnet der Autor einen Raum literarischer Fiktionalität, der es ihm ermöglicht, Gedanken und Gefühle offenzulegen, die letztlich natürlich Spekulation bleiben, der in all ihrer Heldenhaftigkeit an sich etwas spröden, unnahbaren Person Falcones jedoch beeindruckende Konturen verleihen.
Savianos Buch jedenfalls ist von mindestens europäischer Dimension. Die gern (und nicht zu Unrecht) gepflegte Vorstellung von Bella Italia als Land des dolce vita wird auf diese Weise wenn nicht entzaubert, so doch zu zurechtgerückt und um eine nicht zu vernachlässigende Dimension erweitert. Ganz abgesehen davon: In einer immer enger verzahnten, globalisierten Welt rücken auch die negativen Pole näher zusammen. Camorra, Mafia, ’Ndrangheta operieren international, nicht zuletzt in Deutschland. Ein absolutes Lektüremuss für Leser mit gesellschaftlichem Bewusstsein. Sehr zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang zudem die Publikationen der deutschen Journalistin Petra Reski, darunter – für alle die es kürzer mögen – ihre Kompakt-Darstellung der Mafia auf 100 Seiten, erschienen 2018 im Reclam Verlag.
Buchtipp von Astrida Wallat
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