Meret ist Krankenschwester. Zwischen Wohnheim und Klinik lebt sie einen streng getakteten Tagesablauf, der nicht viel Zeit zum Nachdenken lässt und kaum Spielraum für Individualität. Der Arzt, dem sie zugeteilt ist, hat einen Eingriff entwickelt, der das Schlechte, Störende, etwa die Veranlagung zu Wutanfällen oder Kriminalität, buchstäblich aus dem Gehirn herausschneiden bzw. dort einschläfern soll. Die auf diese Weise korrigierte Person – so die dahinterliegende Überzeugung – könne dann wieder der Gesellschaft zugeführt werden und darin ihre Funktion erfüllen. Meret glaubt an den Eingriff und die damit verbundene Hoffnung, gewissenhaft betreut sie die Patientinnen, die sie während der Wach-Operation am Gehirn beschäftigt halten muss. Dann mehren sich die Anzeichen, dass manches durchaus nicht verläuft wie geplant und das Ergebnis des Eingriffs fraglich bleibt. Menschen verlieren durch ihn nicht nur das Unerwünschte, sondern auch sich selbst. Marianne etwa, störrischer, von Temperamentausbrüchen geprägter Spross einer örtlich bekannten Unternehmerfamilie, deren Persönlichkeit geradezu vor Merets Augen verlischt. Die kann es kaum zulassen, doch sie beginnt zu zweifeln. Zumal sie selbst ein Geheimnis der Nonkonformität in sich trägt: Ihre Liebe zu Frauen. Zimmergenossin Sarah nämlich ist weit mehr als das, sie ist Merets Geliebte, ihre Leidenschaft, ihr Fixpunkt. Im begrenzten Freiraum ihrer vier Wände geben sich die beiden Frauen, was sie weder von Beruf noch Familie erwarten können: Wärme, Hoffnung und Lebenssinn. Ein brüchiges Glück, denn zumindest Sarah hat längst begriffen: In dieser Klinik wird etwas als bejubelnswerter Fortschritt verkauft, das unter dem Deckmantel der Hilfeleistung zeitnah auch einem lesbisches Paar zum Verhängnis werden könnte. Und so erfährt die beklagenswerte Marianne schließlich unerwartete, echte Solidarität.

Mit ihrem dritten Roman legt Yael Inokai ein ruhiges und kraftvolles Stück Literatur vor. In kurzen, scharfen Sätzen portraitiert sie die Protagonistinnen, entwirft eine eigenartig steril und stets dunkel anmutende Szenerie, die räumlich wie zeitlich überall verortet sein könnte und nirgends, in Vergangenheit oder Zukunft. Manchmal schmerzhaft nahe liest man an den Figuren entlang und an der uralten Debatte darüber, was gesellschaftlich sanktioniert als »normal« zu betrachten, wieviel Abweichung davon erlaubt ist. Und darüber, welche Rollen Psychiatrien in unserer Gesellschaft einnehmen können und sollen. Kann das Kranke noch zum Gesunden werden? Was aber genau ist das, das Kranke? »A Clockwork Orange« und »Einer flog über das Kuckucksnest« lassen grüßen, von weit her auch der Manns »Zauberberg« mit seinen Abgründen der gesellschaftlichen Psychologisierung. Eine in ihrem kammerspielartigen Charakter sehr überzeugende Lektüre, die nachdenklich zurücklässt, ohne zu moralisieren. Klare Leseempfehlung!

Buchtipp von Astrida Wallat