Garibaldis Hand und ein blindes Auge von magischer Kraft
Antonio Casagrande hat keinen guten Start ins Leben. Von den Eltern verstoßen, wächst er in einem Waisenhaus des Genueser Stadtviertels Pammatone auf – kein guter Ort, erst recht nicht für ein Kind, das auf einem Auge blind ist und damit als entstellt gilt. Dennoch: Der Fotograf Alessandro Pavia, ein genialischer Eigenbrödler, will ihn als Lehrbuben, ihn, keinen sonst. Im soeben von Giuseppe Garibaldi geeinten Italien gibt es schließlich viel abzulichten. Und Antonio zeigt Talent: Für die komplexen chemischen Prozesse, die perfekte Motivwahl, das richtige Licht. So unterstützt er seinen Patron bei dessen ehrgeizigem Projekt, Garibaldis einst von Genua aus in See gestochene »Mille« wiederzufinden und in einem Fotoalbum zu vereinen. Gemeinsam mit dem fotografischen Abbild der Hand des Generals. Das ungleiche Gespann zieht durchs Land, eine Reise voller Überraschungen, Unsicherheit, aber auch voller interessanter Begegnungen, aus denen Freundschaften entstehen. Wie nebenbei entdeckt Antonio eine besondere Gabe: Durch die Linse einer Kamera kann sein blindes Auge nämlich doch sehen – und zwar, wie sich schließlich herausstellt, den herannahenden Tod der Person, auf die das Objektiv gerichtet ist. Ein Talent, ein Segen und ein Fluch …
»Das Flirren der Dinge« ist in jeder Hinsicht outstanding. Ein Text von komplexer, historisierender Sprachgebung und dem magischen Reiz lateinamerikanischer Romane, in denen außergewöhnliche Fähigkeiten oftmals als Selbstverständlichkeiten eines Daseins erscheinen, das sich eben nicht nur im Sichtbaren erschließt. »Di luce propria« lautet der Titel im Original, was so viel bedeutet wie »von/in eigenem Licht«. Ein Licht, das sich nur dem scheinbar Blinden offenbart, der darin die Zukunft sieht (große literarische Motive klingen sicher nicht zufällig an). Ein Licht aber auch, das hinter den scheinbar so verworrenen Strängen des Lebens einen großen Zusammenhang zu erleuchten vermag. So ist der Roman zugleich ein Abbild Italiens mit den bedeutenden Entwicklungen von der Einigung Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Gräueln des Ersten Weltkriegs. Antonio begleitet das Begräbnis des Freiheitskämpfers Giuseppe Mazzini ebenso mit seiner Kamera wie den durch Bava Beccaris blutig nieder geschlagenen Mailänder Aufstand von 1898, der seinem eigenen Leben eine neue Wendung gibt. Er nimmt jede Begegnung als das, was sie ist, und sieht dabei unfreiwillig stets über die eigene Zeit hinaus. Besonders überzeugen die wunderbar ausgearbeiteten Figuren. Der scheinbar schwache und doch so willensstarke Antonio, sein deftiger Meister Pavia, die schlaue, herzensgute Puffmutter Madama Carmen, die als Lady Violet hochbetragt und unermesslich reicht stirbt. Nicht zu vergessen schließlich Antonios Gefährtin Caterina, eine diplomierte Hebamme, die so viel mehr über das Leben und Sterben weiß, als es ihre Schulweisheit je träumen ließ.
Romagnolo ist ein seltenes Kunststück geglückt. In diesem Roman ist alles fundiert recherchiert, klug aufbereitet und zugleich von ureigener literarischer Wahrheit. Solche Bücher gibt es wenige, darum müssen sie unbedingt gelesen werden. Mein persönliches Lektürehighlight 2022!
Buchtipp von Astrida Wallat
