Birnen mit Charakter (5 von 5 Leselokomotiven)

Manche Bücher liest man zweimal, weil man sich in ihnen zu Hause gefühlt, Freundschaft mit den Figuren geschlossen hat. Alte Sorten von Ewald Arenz ist für mich eines von ihnen.

Es ist ein leiser Roman, eine Art Kammerspiel unter freiem Himmel. Zwei Frauen begegnen sich: Sally, siebzehn, aus einer Klinik für Essstörungen davongelaufen, und Liss, die allein einen fränkischen Bauernhof bewirtschaftet. Beide stehen außerhalb der Gesellschaft, beide haben ihre Gründe, sich von der Welt fernzuhalten. Zwischen ihnen entsteht eine vorsichtige Gemeinschaft, zunächst fast wortlos, getragen von gemeinsamer Arbeit und gegenseitigem Respekt.

Brot backen, Holz machen, die Weinlese vorbereiten: Arenz erzählt vom bäuerlichen Alltag und von einer Landschaft, die man beinahe riechen und schmecken kann. Gerade in diesen sinnlichen, unspektakulären Beschreibungen liegt der besondere Reiz des Romans.

Und dann eben die alten Sorten! Birnen sind offenbar literarischer, als man denkt. Sie müssen nicht makellos sein, nicht genormt, nicht für den Supermarkt optimiert. Sie dürfen Ecken und Kanten haben und entwickeln gerade dadurch ihren unverwechselbaren Charakter.

Wie Sally und Liss. Zwei Frauen, die nicht in die Schablonen ihrer Umwelt passen und die vielleicht gerade deshalb ihren eigenen Weg finden. Ohne große Erklärungen, ohne schnelle Lösungen. Dafür mit Zeit, Geduld und dem Vertrauen, dass nicht alles, was aus der Reihe wächst, deshalb falsch ist.

Ein stilles, sinnliches Buch über das Anderssein und die Freiheit, sich nicht passend machen zu müssen. Und eine schöne Erinnerung daran, dass auch Birnen ihre Geschichten erzählen.

Buchtipp von Astrida Wallat