»Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist« von Golineh Atai

Unbequeme Wahrheiten – Russland und wir, wir und Russland

Atai fertig

Politisch  interessierte Bürger*innen, ja sogar veritable (Militär-)Experten*innen – die meisten von uns hat der 24.2.2022 wohl ziemlich kalt erwischt. Seitdem versinken wir in einer Nachrichtenflut, Sondersendungen, Einschätzungen, Diskussionerunden. Wir erleben ein Auf von Hoffnungen in diplomatische Bemühungen, Sanktionen, westliche Solidarität und ein Ab von Horrorbildern, Drohungen, Hiobsbotschaften. Etwas fassnungslos stehen wir vor der Notwendigkeit einer Neuordnung unseres Weltbildes, hilflos vielleicht vor dem Drang, die Lage einzuschätzen, uns zu positionieren.

Was aber liegt hinter den Ereignissen, die unsere Welt(sicht) in ihren Grundfesten erschüttern und kam das alles wirklich überraschend? Die Antwort ist vermutlich ein ziemlich desillusionierendes »Nein, wirklich überraschend kam das nicht«. Für das Verständnis des schrecklichen Kriegs, den Russland über die Ukraine gebracht hat, ist Golineh Atais Buch »Die Wahrheit ist der Feind. Warum Russland so anders ist« sehr hilfreich. Atai war von 2013 bis 2018 ARD-Korrespondentin in Russland und hat für ihre journalistische Arbeit mehrere wichtige Preise erhalten. Ihr bereits 2019 erschienenes Sachbuch besitzt geradezu sibyllinischen Charakter. Es beschäftigt sich eben nicht mit der aktuellen Lage, sondern weitgreifend mit deren Prämissen. Die Lektüre macht sehr deutlich, dass das, was wir heute im Osten Europas erleben müssen, sozusagen »mit Ansage« geschah, dass die Grundfesten dazu bereits weit vor 2014 gelegt waren. Beschrieben werden die Präsidentschaften Putins, seine von der westlichen so verschiedene Weltanschauung, in der ihm viele seiner Landsleute folgen dürften. Dargelegt wird besonders der russische Umgang mit der Presse (und Journalisten) bzw. das Durchsetzen von Narrativen, die dem Westen nun gewissermaßen auf die Füße fallen. Atai berichtet neutral, quellenbezogen, schonungslos. Aus eigener Anschauung, aber nie apodiktisch, zeigt sie detailliert auf, welche Differenzen schon lange auf dem Tisch lagen, welche Abgründe besser nicht hätten ignoriert werden sollen. In Situationen wie dieser eignet sich natürlich keine Expertenmeinung als einzige Informationsquelle (dass es mit der »Wahrheit« eine schwierige Sache ist, dürfte niemand besser wissen als die Autorin selbst), so auch diese nicht, als Einstieg ins Thema und wichtige Orientierungshilfe kann ich dieses Sachbuch jedoch unbedingt empfehlen.

Aus dem Inhalt: »Der Zar kommt zurück (Die Jahre 2011 bis 2013) «, »Die Dominosteine beginnen zu fallen (Die Jahre 2013 bis 2014)«, »Die neue Front (Die Jahre 2015 bis 2017)«, »Angriff auf den Westen (Die Jahre 2016 bis 2019)«

Buchtipp von Astrida Wallat