»Unverschwunden« von Philipp Gurt

Einfach nicht mehr da! Oder doch? …

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Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf, an einem x-beliebigen Tag, und keiner kann Sie mehr sehen! Egal, was Sie tun, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, Sie bleiben ungehört oder stoßen gegen eine unerklärliche Wand. Kommunikation, Berührungen, jedwede Form der sozialen Interaktion – von einem Moment auf den anderen inexistent, unmöglich geworden. Was man vielleicht aus dem ein oder anderen schrägen Traum kennt, für den Protagonisten Lukas Cadisch wird es Wirklichkeit. Plötzlich ist der erfolgreiche Schriftsteller eine Art Gespenst, ein bloßer Beobachter des Lebens der anderen. Für sich selbst ist er noch da, hat die ganz normalen menschlichen Bedürfnisse nach Nahrungsaufnahme und Toilettengängen, aber auch nach menschlicher Nähe. So wird er zum unsichtbaren Gast in seinem Elternhaus, Zeuge davon, wie seine Familie sich über sein Verschwinden sorgt, darauf hofft, dass er wiederkehrt. Er wird Zeuge davon, wie seine Ex-Freundin, die ihn Hals über Kopf verlassen hat, seinen besten Freund datet, mit dem sie ihn, wie er nun erfährt, schon länger betrogen hat. Und er muss hilflos mit ansehen, wie sein Vater stirbt, auch er durch die Krankheit Alzheimer ein Verschwindender.

Die eigene Unwirksamkeit in der Welt der »Wahrhaftigen« wie er als »Unverschwundener« sie nun nennt, stürzt Lukas in eine tiefe Krise. Er begegnet ihr zunächst mit einem wochenlangen Rückzug in die menschenleeren Berge, wo er in der Einsamkeit eine gewisse Normalität findet und sich mit seinem bisherigen Leben auseinandersetzt, als es noch ein Leben war. Dann beginnt er nachzuforschen, begibt sich auf die Suche nach anderen, die sein Schicksal teilen, fährt dabei fast die gesamte Schweiz ab. Vergeblich. Erst in dem Moment, als er seine eigenartige Existenz durch den Sprung von einer Staumauer beenden möchte, rettet ihm ein Hund, der zu ertrinken droht, gewissermaßen das Leben. Denn: Als er instinktiv nach ihm greift, vermag er ihn zu fühlen – der Hund ist genauso unverschwunden wie er. Die beiden werden zu einer Schicksalsgemeinschaft, zu stummen Phantasmen in ihrer eigenen Welt. Schließlich jedoch stößt noch Nadeschda zu ihnen …

Philipp Gurts Roman ist in sich schlüssig konstruiert und ein wahres Schatzkästchen an dichten Naturbeschreibungen, an Situationen zwischen Skurrilität und Verzweiflung, Selbstfindungskämpfen und ja, auch an Zärtlichkeit. Das Buch weckt einerseits den wohlig distanzierten Grusel angesichts der Frage, was man täte, wäre man selbst in dieser Lage, andererseits strahlt es eine seltsame Gelassenheit aus. Im Kern geht es um die uralte (und vielleicht nie beantwortete) Frage, was unsere Existenz ausmacht und vielleicht darum, ob wir uns dem erst annähern können, wenn wir völlig auf uns selbst zurückgeworfen sind. Das Ende bleibt offen, aber nicht hoffnungslos.

In der eigenartigen Situation einer gefühlt endlosen Pandemie mit ihren Begleiterscheinungen hat mir »Unverschwunden« eine nicht verschwindend geringe Anzahl intensiver Lesestunden bereitet. Eine echte Entdeckung!

Buchtipp von Astrida Wallat