Statt eines Buchtipps: Nachruf auf Lucinda Riley

Meisterin der schwesterlichen Verwicklungen – Nachruf auf Lucinda Riley

Riley Website

In Dennis Schecks Kommentaren zur Bestellerliste kam sie stets schlecht weg, bei unseren Leserinnen dafür umso besser: Lucinda Riley. Jeder neue Roman von ihr war mindestens vier Mal vorgemerkt, so dass wir über kurz oder lang ein Staffelexemplar besorgten, um den meist weiblichen Fans allzu lange Wartezeiten zu ersparen.

Lucinda Riley wurde Mitte der 60er Jahre in Nordirland geboren; eigentlich wollte sie lieber Tänzerin oder Schauspielerin werden. Eine schwere Viruserkrankung machte ihr dies jedoch unmöglich, darum widmete sie sich schließlich dem Schreiben. Zum Glück für sie selbst und zur Freude eines wachsenden Publikums – nach Auskunft des Verlags haben sich ihre Romane weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft, viele von ihnen wurden Bestseller.

Ihr wohl größter Erfolg »Die sieben Schwestern« umfasst wie der Harry-Potter-Kosmos von J. K. Rowling sieben Bände (wobei bei Riley ein achter offensichtlich in Planung war), und vielleicht sind die Gemeinsamkeiten ausgeprägter als man auf den ersten Blick meinen möchte. Zwar gibt es in Rileys Schwestern-Saga keine Zauberlehrlinge und keine Magie, im Mittelpunkt steht jedoch auch hier das erstaunte Entdecken einer unbekannten Herkunft und die Frage, was diese für die persönliche Entwicklung bedeuten mag. Sieben junge Frauen wurden im Kindesalter von einem Mann adoptiert, der ihnen mit seinem plötzlichen Ableben Hinweise auf ihre jeweilige Geschichte hinterlässt. Band für Band werden nun dunkle Familiengeheimnisse gelüftet, entspinnen sich Kontinente umspannende Schnitzeljagden voller Spannung, Atmosphäre, Liebe, Leid. Am Ende stets ein standdesgemäßer Cliffhanger, der auf die Fortsetzung hinfiebern lässt. Aus feuilletonistischer Sicht mag das streckenweise banal erscheinen, unglaubwürdig oder gar reaktionär. Nüchtern betrachtet bietet es aber zugleich das, was sich eine Vielzahl von LeserInnen (durchaus mit Recht) wünscht: Kleine oder größere Fluchten aus dem Alltag, ein Abtauchen in unbekannte Welten, fremde Länder – und nicht zuletzt eine Ahnung dessen, dass das Leben hinter anderen Türen weit abgründiger sein dürfte als das eigene Dasein. In der überbordend weiten Welt der Bücher hat das alles seinen Platz, im Herzen der Lesenden sowieso.

Nun erlag Lucinda Riley im Alter von noch nicht einmal 60 Jahren einem Krebsleiden. Wie es in der Presse heißt, friedlich im Kreise ihrer Familie. Während ihrer Krankheit entwickelte sich nochmals ungeheure Kreativität, allein in dieser Zeit verfasste sie fünf Romane, der letzte, »Die verschwundene Schwester«, erschien erst im Mai.

Mach’s gut, liebe Lucinda, wir von der Bücherei im Bahnhof und ganz sicher viele andere Bibliotheken werden deine Romane noch lange im Bestand haben, auf dass sie auch weiterhin ihr Publikum finden mögen. Auf vielfältige Weise und in vielen Sprachen! R.I.P.

Nachruf von Astrida Wallat