»Bad Regina« von David Schalko

Der allegorische Niedergang Europas

Schalko Bad Regina internet

Bad Regina – so stattlich der Name, so prägnant das Rauschen des Wasserfalls, so wenig glamourös die Realität. Einst florierender Kurort und Treffpunkt des Jet Sets mit Nobeldisko im Bergstollen, ist das Alpenstädtchen nurmehr ein ruinöser Schatten seiner selbst. 46 schrullige und meist gescheiterte Existenzen sind verblieben, von denen nicht wenige ebenfalls den Abgang planen. Im Hintergrund nämlich agiert ein mysteriöser Chinese namens Chen, der nach und nach alles aufkauft, was er bekommen kann. So lange, bis Protagonist Othmar Verbündete sucht gegen eine Macht, von der er erst am schrillen Ende wissen wird, wer tatsächlich hinter ihr steht.

Der Wiener Autor und Regisseur David Schalko ist bekannt für wirklich gute Stoffe und deren Umsetzung. Für seine Serien »Braunschlag« und »Altes Geld« erhielt er mehrere internationale Auszeichnungen. In »Bad Regina« erkennt man natürlich sofort »Bad Gastein«, das einen nicht ganz so konsequenten, aber ansatzweise ähnlichen Niedergang erfuhr. Das Kleingedruckte am Anfang warnt bereits vor der rassistischen Ausdrucksweise einiger Figuren. Sofort befindet sich der Leser in einer Art Vexierbild aus Political Incorrectness, alten wie neuen Feindbildern, Politik-, ja Lebensverdrossenheit und Untergangsstimmung. Hier ist nichts mehr wie es sein sollte, das weiß man sofort. Und nichts wird mehr sein, wie es hätte sein können.

Begeisternd ist die Erzählfreude des Autors und der Detailreichtum des Romans, den man ihm zugleich zum leichten Vorwurf machen könnte. Streckenweise muss man sich schon sehr konzentrieren, um sich auf die überbordende Zahl an Binnengeschichten noch einen Reim zu machen. Dennoch: Die Figuren sind alle Typen, meist im schlechten Sinne, was sie im selben Zug natürlich interessant macht. Der phlegmatische Othmar mit seinem Ex-DJ-Star im Wachkoma, der korrupte Bürgermeister und seine Sippschaft, die Transgenderfrau Petzi, die sich in einen leeren Swimmingpool stürzt. Und nicht zuletzt der ominöse Pater Helge, in den der Antichrist persönlich gekrochen zu sein scheint. Glücklich ist keiner von ihnen, Dreck am Stecken hat jeder, und ganz zum Schluss kommt es – Dürrenmatts »Besuch der alten Dame« lässt grüßen – ganz anders als gedacht …

Ein vielleicht polarisierender Roman mit erwartbar geteiltem Presseecho, für mich aber in jedem Fall eines meiner Lesehighlights der letzten Monate. Ein Buch voller widersprüchlicher, wohl kalkulierter Komik, in dem es viel zu entdecken gibt.

Buchtipp von Astrida Wallat