»Bridgerton« von Julia Quinn

Cosy Regency oder: Leicht, seicht, unerreicht

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Dass wohlhabende Gentlemen nichts so dringend benötigen wie eine Ehefrau, ist eine Weisheit, die niemand so hervorragend literarisch durchdekliniert hat wie Jane Austen, Queen des quirlig-aparten Regency-Romans mit Landhausatmosphäre. Gut 200 Jahre später versucht sich Julia Quinn an einer Art Revival dieses Kosmos, mit etwas weniger Witz und Charme, dafür mit weitaus mehr Erotik.

Im Mittelpunkt der 8-bändigen Bestseller-Buchreihe, die – den heutigen medialen Gesetzmäßigkeiten folgend – vor allem als Verfilmung auf Netflix überbordende Erfolge feiert, steht die vaterlose, aber sehr mutterpräsente Familie Bridgerton. Oberhaupt Violet ist mit 8 Kindern gesegnet, deren Vornamen ganz pragmatisch in alphabetischer Reihenfolge beginnen (Anthony, Benedict, Colin, Daphne, Eloise, Francesca, Gregory, Hyacint) und die jede(r) für sich je im Mittelpunkt eines Reihen-Teils stehen. Worum geht’s? Um prächtige Häuser, ausgedehnte Ländereien, reiche Menschen, die einander ihre Aufwartung machen und in schicken Salons Tee trinken. Man parliert, intrigiert, amüsiert sich, tändelt durch die endlosen Ballsaal-Weiten. Kleider rascheln, Fächer rauschen, außerdem wird viel geritten und gelitten, zwischendurch erwägt man, sich zu duellieren. Doch, keine Sorge, am Ende (manchmal auch schon mittendrin) wird alles gut, was konkret heißt: Es wird geheiratet.

Die Bücher leben vom Dialogwitz und einer Art Culture-Clash zwischen dem frühen 19. und dem 21. Jahrhundert. Denn: So wie es von Jane Austen erzählt wird, war es vielleicht nicht wirklich, so wie von Julia Quinn beschrieben ganz sicher nicht. Wenn Daphne Bridgerton zunächst noch nicht einmal weiß, wie Kinder gezeugt werden, um sich im nächsten Moment in eine veritable Femme Fatale zu verwandeln, ist das beinahe von unfreiwilliger Komik. Oder doch von absichtlicher, wer weiß. Jane Austen jedenfalls würde erröten ob so viel expliziter Erotik und sogleich wieder erblassen, ob so viel expliziter Mordlust. Der Satz »Ich bringe dich um« (natürlich aus Gründen der Ehrverletzung) fällt allein im ersten Band »Der Duke und ich« unzählbare Male, freilich, ohne jemals in die Tat umgesetzt zu werden. Und das ist an sich das Gute. Im Gegensatz zur aktuellen politischen Lage weiß man, dass letztlich nichts Schlimmes passiert und der paradiesische Zustand eines unkorrumpierbaren Ehestands bzw. eines märchenhaften »… und wenn sie nicht gestorben sind« in absehbarer Nähe ist.

Warum ich gerade diese Reihe ausgerechnet hier und jetzt empfehle? Ganz einfach, weil sie stets authentisch bleibt, nicht vorgibt, etwas anderes zu sein, als sie sein will: Kecke Unterhaltung. Sprachlich würde man sich manchmal etwas mehr Finesse wünschen und bei den Figuren etwas mehr Tiefgang, aber was soll’s. Das 21. Jahrhundert ist gerade ziemlich furchtbar, das 19. war in Vielem sicher nicht besser, aber zeitliche wie literarische Distanz tun das ihre. Ablenkung ist garantiert.

Mein ganz persönliches Fazit allerdings: Austen oder Quinn? Ganz klar Austen.

Buchtipp von Astrida Wallat