»Echo« von Thomas Olde Heuvelt

In eisige Höhen

Echo Internet

Vorab: Ich bin eigentlich kein Fan von Horror-Romanen. Schon als Kind hatte ich Angst im Dunkeln und habe jedem unbekannten Geräusch nachgelauscht. Noch heute gruselt es mich in der Bibliothek manchmal ein bisschen, wenn abends jemand das Treppenhaus zum Jugendzentrum hinaufpoltert. Keine guten Voraussetzungen also für Stephen King und Co. Oder sehr gute für deren Wirksamkeit, je nachdem. Als ich die Rezensionen zu Thomas Olde Heuvelts »Echo« las, musste ich einfach zugreifen, denn ich liebe die Berge, bin fasziniert von der Kraft der Natur. Und als Naturgewalt können man diesen Roman durchaus bezeichnen.

Das homosexuelle Paar Sam und Nick verhält sich zueinander wie Feuer und Eis. Der Niederländer Nick ist passionierter Bergsteiger, setzt sich immer wieder neue Ziele in schwindelnden Höhen, während der Amerikaner Sam es bodenständig mag und eine pyromanische Vergangenheit hat: Als Kind identifizierte er sich mit Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt, und setzte dabei das abgelegene Haus seiner Großeltern in Brand. Sein Großvater kam nur knapp mit dem Leben davon, ein Trauma, das Sam nie verwunden hat und über das er nicht sprechen kann. Nicks Tour mit seinem Seilschaftspartner Augustin in den Schweizer Alpen ist eigentlich Routine. Doch kehrt von ihr nur einer zurück: Nick, schwer verwundet, das Gesicht schauerlich entstellt. Sam versucht, der Situation mit Ruhe und Würde zu begegnen, schnell allerdings wird klar, dass sein Partner aus den Bergen etwas mitgebracht hat. Eine unkontrollierbare, zerstörerische Kraft, eine Art Aura, die alle um ihn vernichtet. Es geschehen unheimliche Dinge, Menschen in Nicks Umfeld sterben elend oder nehmen sich das Leben. Als Sam sich schließlich auf die Suche nach der Ursache begibt, tritt etwas Schreckliches zutage, vor dem es kein Entrinnen zu geben scheint …

Sicher kein Roman für schwache Gemüter, aber einer der – wie schon der Titel sagt – lange nachhallt. Er verhandelt keinesfalls oberflächliches Splatter-Writing, sondern eine ganz eigene, archaische Art von Suspense, wie wir sie vielleicht aus dem Film »Blair Witch Project« kennen. Letztlich geht es um die unüberwindbare, gnadenlose Macht der Natur, die nicht verzeiht, wenn der Mensch in Gefilde vordringt, für die er nicht geschaffen ist und in denen er nichts zu suchen hat. Dazu kommen legendenhafte Züge wie die Morose, ein unglücksbringender Wind, der die Klagelaute der Toten ins Tal trägt und die Lebenden in die Berge lockt. Oder die ins Tal flatternden Alpenkrähen, in denen sich die besten Eigenschaften der Verstorbenen bewahren. All das erzeugt einen Sog, dem man sich als Leserin kaum entziehen kann und der einen mühelos durch die knapp 720 Seiten trägt, von denen keine einzige langweilig ist. Die Protagonisten sind psychologisch überzeugend ausgearbeitet, das Thema Bergsteigen sehr gut recherchiert. Für mich eine echte Entdeckung und ganz sicher auch für alle, die sich nicht nur für die Natur begeistern, sondern sie auch ein bisschen fürchten.

Buchtipp von Astrida Wallat