»Die Letzte macht das Licht aus« von Bethany Clift

Apokalypse now! And forever …

Letzte macht das Licht aus

London, im Winter 2023: Ein Virus grassiert, der die Infizierten innerhalb von spätestens 6 Tagen eines schrecklichen Todes sterben lässt. Man nennt ihn – nomen est omen – 6DM (Six days maximum). In dieser Welt verliert die namenlose Ich-Erzählerin nach und nach alle ihr nahestehenden Menschen. Eltern, Ehemann, bester Freund, Liebhaber werden von der Seuche dahingerafft. Sie allein scheint immun, und ist bald das, was vermutlich keiner von uns gern je wäre: völlig allein, der letzte Mensch in London, vielleicht auf Erden. Schon vor der Pandemie im Grunde entgleist und aus dem Leben geworfen, gibt sich die Protagonistin zunächst dem Konsum- und Drogenrausch hin. Statt nach anderen Überlebenden zu suchen, nächtigt sie in Luxushotels, schmeißt Schmerzpillen ein, betäubt sich mit Kokain. Daran ändert zunächst auch die Begegnung mit einem Golden Retriever, dem sie den Namen Lucky gibt, nichts. Zögerlich gestattet sie dem Tier, sich ihr anzuschließen, baut eine Beziehung zu ihm auf, er wird ihr treuer (Lebens-)Gefährte.

Der Roman ist in einer Verflechtung aus Vergangenheit und Gegenwart erzählt, denn in der ausweglosen Situation beginnt die Erzählerin ihr bisheriges Leben zu reflektieren, es kritisch zu beleuchten, woran sie schließlich wächst. Die Wende im apokalyptischen Taumel bringen zwei Begebenheiten. Zum einen die enttäuschende Konfrontation mit einer anderen Überlebenden, zum anderen die noch vor dem Exitus der restlichen Bevölkerung eingetretene und nun bemerkte Schwangerschaft der Protagonistin. Angesichts der Erfahrung, eben doch nicht mehr allein zu sein, stellt sie sich ihrer Verantwortung und nimmt ihr neues Dasein an.

Das Szenario ist natürlich nicht neu und wurde literarisch wie filmisch oft durchgespielt: Von Marlen Haushofer in »Die Wand«, von Thomas Glavinic in »Die Arbeit der Nacht« oder in »I am Legend« des Regisseurs Francis Lawrence. Die Parallelen zu Haushofers Roman sind am augenfälligsten. Die enge Beziehung zu tierischen Begleitern (hier Hund und Hühner), das die Erzählsituation konstituierende Fakt, dass alles in einer Art Tagebuch/Bericht festgehalten wird, die erzwungene Rückkehr zur Natur. Der Unterschied besteht darin, dass hier der Auslöser der Katastrophe bekannt ist und auch mit aller Brutalität wiedergegeben wird. Niedergehende Zivilisation, verwesende Leichen allenthalben, ein Setting das bei der Lektüre durchaus gewisse Nerven erfordert.

Eigentlich nehme ich das Wort Pageturner ungern in den Mund, aber dieses Buch ist de facto einer. Das Licht, das die Letzte ausmacht, habe ich am Abend sehr lange angelassen, um den Roman in einem Satz zu verschlingen. Dabei hat mich nicht so sehr die literarische Qualität überzeugt, die bei Glavinic sicher viel höher ist. Vielmehr haben mich die starken, plastischen Bilder, die klare Erzählweise und die in ihrer Persönlichkeit so schwache, dann heranreifende Hauptfigur, in ihren Bann gezogen. Das kleine, unperfekte Leben, mit dem man sich durchaus identifizieren kann, und das angesichts der Katastrophe seinen letzten Fokus verliert. Wenn Lesen ein Eintauchen in fremde Welten bedeutet, so kann man dies hier ausgiebig tun.

Interessant ist auch das Nachwort der Autorin, in dem sie erläutert, beim Schreiben bzw. bei der Fahnenkorrektur quasi von der Realität der Corona-Pandemie eingeholt worden zu sein. Das wirkt natürlich etwas gruselig, zeigt aber auch, wie sehr Literatur in der Lage ist, mit Wirklichkeiten zu spielen und diese manchmal sogar vorwegzunehmen.

Buchtipp von Astrida Wallat