»Die Löwen von Sizilien« von Stefania Auci

Buddenbrooks auf Sizilianisch

Löwen von Sizilien Internet

Italien besaß für die Deutschen von jeher einen besonderen Reiz, zum Beispiel für Thomas Mann. Der Komponist Gian Carlo Menotti kannte ihn persönlich und erzählte scherzend, der Literat habe offenbar geglaubt, im sonnigen Süden tanzten stets nackte, mit Lorbeer bekränzte Mädchen heiter durch die Gegend. Die ganze Italiensehnsucht habe er seinem Freund verdorben, als er ihm von den sozialen und politischen Problemen seiner Heimat berichtete. Zumindest für einen Augenblick. Dass Italien nicht nur das Land ist, wo die Zitronen blühn, verdeutlicht auch Stefania Auci. Die Geschichte der hierzulande wenig bekannten sizilianischen Unternehmerfamilie Florio hat dramaturgisch durchaus etwas von Manns »Buddenbrooks«. Auci breitet den umfangreichen Stoff in zwei detailreichen, fundiert recherchierten historischen Romanen aus: »Die Löwen von Sizilien« und – noch nicht übersetzt – »Der Winter der Löwen«. Band eins beschreibt den Aufbau des Handelsimperiums der Familie Florio von den Anfängen bis zum Zenit, die Fortsetzung widmet sich überwiegend dessen bestürzenden, politisch wie menschlich bedingten Niedergang in der vierten Generation.

Ende des 18. Jahrhunderts: Das Brüderpaar Vincenzo und Ignazio Florio setzt vom erdbebengebeutelten Bagnara Calabria nach Palermo über, wo die beiden einen zunächst bescheidenen Gewürzhandel eröffnen. Im Laufe der Generationen werden Schwefel, Thunfisch, Marsala sowie viele weitere Handelsgüter hinzukommen. In der dritten Generation kann die Familie die Ägadischen Inseln ihr eigen nennen, mehrere Anlagen zur Verarbeitung von Thunfisch, einen Privatzug sowie eine riesige staatliche subventionierte Postschiffflotte. Vincenzos Sohn mit demselben Namen sowie dessen Sohn Ignazio führen alle Unternehmungen mit Klugheit, eiserner Hand und der Bereitschaft zu persönlichem Verzicht: Der Name Florio ist es, was zählt, ihm wird alles untergeordnet. Der realisierte Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg hat aber durchaus seinen Preis, denn der alte zwar größtenteils verarmte, aber exklusiv denkende Adel Siziliens akzeptiert die neureichen Emporkömmlinge nicht. »Handlanger« werden sie genannt, »Gepäckträger«. Erst dem als Ignazio Florio Senior in die Geschichte eingegangenen Spross gelingt es mit Giovanna d’Ondes Trigona in höhere Kreise einzuheiraten. Ohne Liebe zwar, doch mit dem Versprechen auf gesellschaftliche Akzeptanz. Ignazio junior und seine Ehefrau Donna Franca schließlich werden zum ebenso schillernden wie verschwenderischen Aushängeschild der palermitanischen Belle Epoque. In ihren pompösen Villen finden ausschweifende Festlichkeiten statt, großzügig fördern sie die schönen Künste und ihre Akteure, darunter Gabriele d’Annunzio, Giacomo Puccini und Enrico Caruso. Wären da nicht die politischen Unruhen, zwei Weltkriege, ein Lebensstil über die Verhältnisse und die Tatsache, dass sich das Unternehmer-Gen eben nicht einfach so weiterzuvererben scheint …

Die weitgreifend angelegte Saga wird als Unterhaltungsroman vermarktet, entwickelt sich aber in ihrer wissenschaftlichen Recherche und der historischen Verortung durchaus darüber hinaus. Besonders der zweite Band legt sehr viel Wert auf geschichtliche Zusammenhänge. Auch die Figurenzeichnung ist intensiver, Donna Franca und Ignazio jr. erscheinen sehr differenziert wie plastisch.

Zwei Dinge wird man nach der Lektüre dieser Romane auf jeden Fall besser verstehen: Die noch heute tiefe Gespaltenheit des Landes, den tiefen Graben zwischen dem reichen Norden und dem noch immer armen Süden, und ja – die Wurzeln der Mafia.

Buchtipp von Astrida Wallat