»Ciao« von Johanna Adorján

Addio Old-School-Ruhm von gestern, hello LGTBQIA+

Ciao Adorján Internet

»Getting old ist not for sissies«, soll Bette Davis gesagt haben. »Alt werden ist nichts für Weichlinge.« Hans Benedek, verblassender Stern am Journalistenhimmel und Protagonist von Johanna Adorjáns bitterböser Realsatire »Ciao« würde dies vermutlich sofort unterschreiben. Einst gefragter Feuilletonist und als solcher Teil einer exklusiven Clique, welche wie selbstverständlich die Deutungshoheit über das Weltgeschehen für sich in Anspruch nahm, bekommt er nun in kleinen, rhythmischen Stößen den Verlust seiner Wichtigkeit zu spüren: Der Vorgesetzte trifft sich hinter seinem Rücken mit dem jungen hippen Nachwuchskollegen, der wie selbstverständlich alles besser weiß, Spesenquittungen kommen von der Verantwortlichen unbeglichen zurück und beim Hotel reicht es nicht mehr für den 4-Sterne-Luxusschuppen, sondern nurmehr für das »Holiday In Express«.

Benedeks Lieblingsbeschäftigung besteht darin, sich »Überschriften auszudenken« – am besten noch, ehe der betreffende Artikel überhaupt recherchiert ist – und sein Gehalt ist selbst in den Augen seiner scharfsinnigen Gattin Henriette astronomisch hoch. Völlig zurecht, wie er selbst findet. Dieser Halbgott des Kulturolymps muss nun mit ansehen, wie die Praktikantinnen, mit denen er einst halbseidene Verhältnisse pflegte, zu seinen Co-Autorinnen werden und eine Nachwuchsfeministin, deren Welt er ebenso wenig versteht wie die seiner mürrischen Tochter, ihn mir nichts, dir nichts in die Pfanne haut. Plötzlich scheinen ganz andere Regeln zu gelten als diejenigen, die sein bisheriges Leben bestimmten, plötzlich kann er eigentlich nur noch alles falsch machen. Und es endet, wie es enden muss: Mit einem gewaltigen Shitstorm und einer ernüchternden Wendung.

Adorjáns Roman mag für diejenigen am unterhaltsamsten sein, die den deutschen Pressebetrieb von innen kennen; allerdings erkennt man manches, wie etwa den Redakteur, der einen Krimi schrieb, der kein Bestseller wurde, selbst als Outsider. »Ciao« ist aber auch eine Satire über die Beschaffenheit des Kulturbetriebs als solchem, bei dem man sich nicht selten fragt, welchen geheimnisvollen Gesetzmäßigkeiten er folgen mag. Wer ist bedeutend? Und warum? Der Kunstgriff der Autorin besteht darin, dass sie alle ihre Figuren gewissermaßen gleich behandelt, sie lässt ihnen ihre Würde und düpiert sie, keine(r) kommt davon. Der leicht abgehalfterte, in Me-too-Verdacht geratende Feuilletonist genauso wenig wie die auf der Welle des Erfolgs surfende Instagram-Ikone Xandi Lochner, deren Parolen mitunter doch seltsam eindimensional und einstudiert wirken. Der »alte weiße Mann« und die schrille Jungfeministin – letztlich beide Auswüchse ihrer jeweiligen Zeit. Schade, dass die eigentlich stärkste, weil reflektierteste und vielleicht klügste Figur, Benedeks Ehefrau Henriette, stark eingeführt, dieses Level nicht halten kann und am Ende zu einer scherenschnittartigen, twerkenden Mum verkommt. Aber vielleicht ist auch dies Teil des Gesamtphänomens.

»Ciao« ist ein Roman über »Leute von gestern im heutigen Leben. Übers Älterwerden. Und ein bisschen auch über die Liebe«. (Klappentext) Ein Roman, über dem man schmunzeln, manchmal herzhaft lachen kann. Und ziemlich gut nachdenken. So soll es sein.

Buchtipp von Astrida Wallat

Diesen Buchtipp widme ich dem Gedenken an meinen Freund und Mentor, den Germanisten, Verlagslektor und Literaturkenner Dr. Stephan Koranyi, der am 11.09.21 überraschend von uns gegangen ist. »Ciao« war der letzte Roman, den er mir empfohlen hatte. Danke dafür und danke für alles!