»Die Gerissene « von Eva Schörkhuber

»Ich lasse mein Wort dort, wo ich es begonnen habe«

Die Gerissene InternetMira macht sich auf den Weg. Vom unbenannten Land ihrer Herkunft zieht sie hinaus in die Welt, um diese zu verändern, gerade so viel, dass etwas Neues in den Umlauf gebracht wird. Mira setzt sich in Bewegung, um etwas in Bewegung zu setzen. Die erste Station der Reise ist Marseille, wo sie mit ihrer aus Mülltonnen gefischten Upcycling-Kleidung ganz absichtslos und nebenbei zum lokalen Modestar avanciert. Das zweite Modewunder entfacht sie im Oran – anhand von zu Umhängetaschen umgearbeiteten Miniröcken. Die Wüste konfrontiert Mira mit der ewigen Leere innerhalb wie außerhalb ihrer selbst, und ein Flüchtlingscamp, in dem glücklose Menschen seit 30 Jahren im Stillstand dahinvegetieren, lässt in ihr die Erkenntnis reifen, dass es gar nicht so einfach ist, eine Veränderung herbeizuführen, selbst dann nicht, wenn man sich als ihr Motor zur Verfügung stellt. In Havanna schließlich begegnet ihr das Phänomen einer toten Revolution, dem sie etwas entgegensetzen muss. Und diesmal geht sie tatsächlich aufs Ganze … Wo immer die Protagonistin hingerät, aus absichtsvollem Zufall, auf den Spuren der dunklen Saite, die zeitweise in ihr Leben schwingt, zieht sie die Menschen an wie ein Magnet. Rasch befindet sie sich in bester Gesellschaft und bleibt doch immer für sich. Eine Fremde unter Wegabschnittsgefährten, die eben nicht mehr sind als das. Weil zu viel Vertrautheit die Gefahr birgt, sich selbst zu verlieren: »Der Wunsch, irgendwo, bei irgendjemandem gut anzukommen, ist eine Triebfeder, die uns, wenn wir nicht aufpassen, gefügig werden lässt.«

»Die Gerissene« ist ein ganz ungewöhnlicher Roman, seine dichte Bildhaftigkeit atmet etwas vom magischen Realismus eines Márquez, Llosa oder Fuentes, was sicher nicht zuletzt mit der äußerst präzisen, aber nie artifiziellen Sprachlichkeit zu tun hat. Vom Ende her gelesen zeigt allein der Titel eine große Vielschichtigkeit. Mira ist gerissen im Sinne von schlau, sie ist aber auch innerlich gerissen und brüchig, ebenso wie die von ihr entworfene Mode, die stets altes, zerrissenes aufgreift und palimpsestartig überschreibt. Um Stoffe geht es allenthalben, die aus Fäden gewobenen der Kleidung und die des Erzählstrangs, an dem die Protagonistin unaufhörlich weiterspinnt. Mira ist eine moderne Schelmin, eine Art aufgeklärte Simplicissima, die sich treiben lässt und sich ganz in dem entfaltet, was sie eigentlich ausmacht: Das erzählte Wort, ihr erzähltes Wort. Wie zuverlässig dieses ist, bleibt fraglich, was eine große Stärke dieses durch und durch politischen Textes ausmacht. Denn letztlich geht es um die große Frage, wie Menschen miteinander leben, wie Gesellschaften funktionieren und Veränderungen fruchtbar gemacht werden können.

Ich kann nicht mehr ermessen, wieviele Bücher ich in meinem Leben gelesen habe. Die meisten verblassen, manche sind wohl ganz vergessen, dieses hier gehört zu denen, an die ich noch oft denken, deren dichte Atmosphäre ich wieder zu erspüren suchen werde und deren Charaktere mich nachhaltig gefesselt haben. »Mira!«, bedeutet auf Spanisch: »Sieh mal!« »Mira!«, im Sinne von „Sieh es an, lies es!“, möchte ich möglichst vielen LeserInnen zurufen. Denn dieser Roman hat eine möglichst breite, interessierte Leserschaft verdient.

Buchtipp von Astrida Wallat