»Frau ohne Reue« von Max Mohr«

Immer voran!

AW mit Frau ohne Reue Internet

Spätestens seit dem Festakt vom 15.7. steht Würzburg und Umgebung wieder ganz im Zeichen der Stadtleseaktion »Würzburg liest ein Buch«. In ihrem Zentrum dieses Mal »Frau ohne Reue«, ein Roman des in Würzburg geborenen jüdischen Arztes und Dichters Max Mohr, der 1933 unter dem aufkeimenden politischen Druck 1934 nach Shanghai emigrieren musste. Als er dort 1947 fern der Familie an Herzversagen starb, konnte er auf ein buntes, von Gegensätzen und manchen inneren Verwerfungen geprägtes Leben zurückblicken. Das brodelnde Berlin der 1920er Jahre, die ländliche Abgeschiedenheit der Wolfsgrub, den Melting Pot Shanghai, erfolgreich aufgeführte Theaterstücke, weniger erfolgreiche Prosa. Im privaten Bereich Ehe und Familie, faszinierende Begegnungen mit Frauen und intensiven Austausch mit bedeutenden Intellektuellen seiner Zeit, darunter Thomas Mann und D. H. Lawrence.

Eine Essenz von all dem ist in »Frau ohne Reue« spürbar, einem Roman mit unkonventioneller Protagonistin: Ohne viel Federlesens kehrt Lina Gade Kind und Bankiersgatten den Rücken, als sich die Gelegenheit ergibt. Von da an geht es voran, zunächst glückstaumelnd raus in die Welt, zusammen mit dem Geliebten, welcher zum neuen Ehemann wird. Dann, etwas ruhiger geworden, zurück in die Natur, auf einen abgeschiedenen Hof, mit (kurz entschlossen entführtem) Kind, aber ohne Kegel, schließlich – unfreiwillig verwitwet – wieder voran in die Großstadt, ohne Reue oder sentimentalen Blick zurück. Eine Frau wie eine Urgewalt, der sich keiner entziehen kann, am wenigsten sie selbst. Lina Gade lebt stets im Augenblick. Und in dem lebt sie gut. Bis zum bitteren Ende.

Die Lektüre dieses lebendigen, motivisch dicht gewebten, von vielen Wechselfällen und komischen Momenten geprägten Romans, der zugleich voll und ganz Zeitdokument ist, lohnt durchaus auch gut 90 Jahre nach seinem Erscheinen. Der Weidle Verlag hat den Titel, wie andere Werke Max Mohrs, neu aufgelegt, was gemeinsam mit der Leseaktion zweifelsohne zur Wiederbelebung des Autors beitragen wird. Und so kann (nicht nur) Würzburg sich nun nach Herzenslust austauschen und diskutieren. Bestenfalls ein wenig kontrovers.

Buchtipp von Astrida Wallat