»Genug« von Louise Juhl Dalsgaard

(Niemals) genug ...

Genug

»Wieviel wiegt ein Leben?« – »Genug!«, möchte man erwidern. Im Sinne von ausreichend, in sich wertvoll, bedeutsam. Was die westliche Gesellschaft im ethischen Sinne wie selbstverständlich für sich reklamiert, können Magersüchtige in Bezug auf die eigene Person nicht empfinden, jedenfalls nicht in einem wie auch immer gearteten normalen Maß. Abgründigen Perfektionismus, aufopferungsvolle Disziplin, gepaart mit einem Ringen um jeden Bissen, in dem sich letztlich nichts anderes vollzieht als das Ringen ums eigene Ich, dazu den Abgrenzungskampf vom übermächtigen Vater – all das versteht Louise Juhl Dalsgaard in meisterhaft verdichteter Sprache darzustellen. Dass die dänische Autorin auch als Lyrikerin erfolgreich ist, spürt man in jeder Zeile. Kein Wort zu viel, keines zu wenig und somit ausreichend Leerstellen, die dem Lesenden das Entwickeln eigener Gedankenwelten ermöglichen. Das allein ist große Kunst. Die Innenwelt einer so zerstörerischen, nicht selten missverstandenen und von außen oftmals fälschlicherweise als faszinierend empfundenen Krankheit so detailliert und gekonnt nachzuzeichnen ohne zu bewerten, reicht fast noch darüber hinaus. Immer tiefgründig, versprüht der kurze Roman zugleich eine subtile Heiterkeit und Leichtigkeit, in der sich Drama und Widersprüchlichkeit der Anorexie gleichermaßen spiegeln: »Das Fernsehen zeigt Bilder von einem Terrorangriff, es ist der 11. September. Ich sehe die Bilder und höre, wie der Sprecher den Ernst der Lage unterstreicht. Ein möglicher Dritter Weltkrieg. Ich höre es, aber das Einzige, woran ich denken kann, ist, ob ich den Mut habe, einen Schokokuss zu essen, bevor die Welt untergeht.« In solchen Worten erschließt sich, wie sehr das Maß abhandengekommen ist. Das Maß für die Dinge wie für die eigene Person bzw. deren Verortung in der Welt. Die in die Ich-Erzählung eingeflochtenen Arzt- bzw. Behandlungsprotokolle, setzen dem einen neutralen Rahmen entgegen. Fast schmerzhaft nüchtern berichten sie vom Verlauf des Leidens, von Fortschritten, Erkenntnissen, Rückfällen. Bezeugen, dass die Protagonistin mit dem Versuch eines intellektuellen Verständnisses ihrer Abgründe nicht weiterkommt. Letztlich ist es das Gefühl für sich selbst, um das es geht. Am Ende steht ein kleines bisschen Hoffnung wider die Leere, ein wenig Selbstermächtigung. Und das ist viel.

Dieses Buch ist alles andere als leichte Kost, manches muss man zweimal, manches noch öfter lesen, um zum Kern des Gesagten vorzudringen. Aus meiner persönlichen Perspektive handelt es sich jedoch um den besten Text, den ich zu diesem schwierigen Thema kenne. Denn nicht zuletzt demonstriert er etwas, das eben nur Literatur kann: Innere Welten verdichtet nach außen transportieren, ohne dabei festgelegte Bilder zu präsentieren und dabei im Fragmentarischen das Ganze erahnbar machen.

Buchtipp von Astrida Wallat