»Liebe Schwester« von Alison McGhee

Briefe an meine kleine Nervensäge

Liebe Schwester internet

Einem Achtjährigen widerfährt gewissermaßen der Supergau: Seine Eltern bringen ein unförmiges, meist schreiendes Bündel mit nach Hause, um das sie sich ungewöhnlich viel kümmern und von dem es heißt, dass er es mögen müsse, schließlich handle es sich um seine kleine Schwester. Wenn man dann mit jemandem noch nicht einmal reden kann, was bleibt anderes übrig, als – ihm zu schreiben? Und das tut der kleine Protagonist, wie schon das Cover zeigt, recht ausführlich. Ausgesprochen witzig, durchaus realitätsnah, manchmal nachdenklich, selten gerecht. Ein echtes Geschwisterding eben. Da wird gefoppt, geschimpft, da werden die Eltern als »Wärter« bezeichnet und der Schwester regelmäßig Zeugnisse ausgestellt, die sich erst im Lauf der Zeit etwas verbessern. Nach dem Motto: »Schreien: Ausgezeichnet; Rumheulen: Ausgezeichnet; Auf die Nerven gehen: Ausgezeichnet …« Dabei haben die Geschwister durchaus so manches gemeinsam – eine unüberwindbare und äußerst verbindende Abneigung gegenüber weißen Bohnen zum Beispiel. – Anrührend ist die Entwicklung, deren Zeuge man beim Lesen wird. Der erste Brief datiert kurz nach der Geburt der Schwester, der letzte auf den Auszug des Bruders. Nach und nach rutscht die Perspektive des heranwachsenden Mädchens mit ins Geschehen, eine echte Beziehung entsteht. Nicht nur zwischen den Geschwistern, durchaus auch zum Lesenden. Dass sich der Bruder am Ende ausgerechnet den Titelhelden jenes Kinderbuchs auf den Arm tätowieren lässt, aus dem er der Schwester ärgerlicherweise Abende lang vorlesen musste, spricht für sich …

Ein durch und durch reizendes, amüsantes Buch, das viele Nägel auf den Kopf trifft. Treffsicher und charmant illustriert von Joe Bluhm. Beste Lektüre für Lesefans und sogar Lesefürchtende, vom Typus her ähnlich wie Gregs Tagebuch.

Buchtipp von Astrida Wallat