»Katharsis« von Michael Reh

Katharsis internet

Kampf der Affekte

New York, schillernder Big Apple: Max, erfolgreicher Modefotograf, Frauenheld und Dauerjunkie ergeht sich in einem Dasein voller Exzesse, als ihn eine lang verdrängte Vergangenheit einholt. Sein Zwillingsbruder Nikolas, so seine Schwester am Telefon, hat einen grausamen Doppelmord begangen, er sitzt in Untersuchungshaft. Spontan reist Max über den Ozean ins Ruhrgebiet, wo er seine Kindheit verbrachte und wo er sich nun, man kann es nicht anders sagen, mit einem Moloch von Familiengeschichte auseinandersetzen muss.

Bereits zweimal haben wir Romane vorgestellt, die Missbrauch bzw. »Me too« thematisieren. Beide Male handelte es sich um Bücher von Frauen über Frauen. Michael Rehs semiautobiographische Erzählung »Katharsis« greift das Sujet aus einer anderen, vielleicht noch mehr tabuisierten Perspektive auf, fokussiert wird hier der Missbrauch kleiner Jungen durch eine Verwandte. In einem ähneln sich alle Geschichten frappierend: Das Zentrum bildet eine unnachgiebige Mauer aus Schweigen auf der einen und ein nicht nachlassender kriminalistischer Spürsinn auf der anderen Seite. Nach und nach entwirrt sich das Geflecht aus Brutalität, Menschenverachtung, Lügen, bis am Ende die nackte Wahrheit in einer Unverstelltheit zu Tage tritt, die selbst beim Lesen weh tut. Hier teilen zwei ungleiche Brüder, unterschiedlich in Gemüt, Lebensweg und Reaktionsweise, das gleiche Schicksal. Der eine tötet die Peinigerin, der andere verdrängt das Geschehene und verliert sich im Drogenrausch.

»Katharsis« ist ein nicht unkomplizierter Begriff aus Aristoteles’ Theorie der Tragödie, der je nach Übersetzung des Originals Deutungsspielraum lässt: bezeichnen kann er einen Läuterungsprozess der Gefühle (Affekte), durch die oder von den Gefühlen. In diesem Fall erhält er tatsächlich auf allen drei Ebenen Sinn, denn schlussendlich müssen alle Beteiligten ihr persönliches Drama (erneut) durchleiden und für keinen von ihnen ist nachher mehr etwas wie es war, übrigens auch für den Rezipienten nicht. In teils direkter, drastischer, dann wieder berichtartig reduzierter Sprache beschreibt der Autor einen zweifachen Erkenntnis- und Heilungsprozess, der jeweils in einem Wiederherstellen der Kommunikation mit der Außenwelt seinen Ausgang nimmt. Das Ende des Erzählten ist so etwas wie ein neuer Anfang. Und dieser besteht auch und vor allem darin, mit dem Erlebten im wahrsten Sinne des Wortes weiterleben zu müssen.

Buchtipp von Astrida Wallat