»Schwitters« von Ulrike Draesner

Draesner Schwitters

Unser erster Buchtipp im neuen Jahr widmet sich Ulrike Draesners preisgekröntem Roman »Schwitters«. Er handelt von der Unbehaustheit des Exils

Es ist – das muss man vielleicht vorwegschicken – nicht ganz einfach, in diesen Roman hineinzufinden, ihn gar zu lieben. Sperrig über weite Strecken, komplex in der Anlage, wortgewaltig, stellt er durchaus eine Leseherausforderung dar. Aber – auch das darf man vorwegnehmen – eine Auseinandersetzung lohnt. Mit 49 Jahren flieht der als entartet geltende Poet und bildende Künstler Kurt Schwitters vor den Nationalsozialisten aus Hannover. Zuerst nach Norwegen, wo er sich seinem Sohn Ernst anschließt, dann nach England; Ehefrau Helma bleibt in Deutschland zurück, um den gemeinsamen Besitz zu verwalten. Zwischen Schwitters und seiner Heimat liegen fortan das Meer, dazu ein tiefer Graben des Nicht-Verstehens. Aufenthalte in Flüchtlingslagern, Unstetigkeit sowie der Kampf um ein neues Leben prägen seinen Alltag, immer mehr fällt er auf sich selbst, ja, in sich selbst zurück. Was widerfährt einem Wortakrobaten, dem mit der Heimat seine Muttersprache entzogen ist? Seine Welt wird größer und zugleich kleiner, er verstummt. Aus heutiger Perspektive gehört Kurt Schwitters zu den bedeutendsten Künstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts. Prägend geblieben sind seine Werke »An Anna Blume«, »Ursonate« und natürlich sein nurmehr als Rekonstruktion im Sprengel-Museum Hannover existierender Merzbau. Ulrike Draesner, kongeniale Sprachschöpferin, Kennerin der menschlichen Untiefen und perfektionistische Rechercheurin, gibt dem in vielfacher Hinsicht Exilierten die Sprache zurück, schenkt ihm gewissermaßen eine neue, genuine Stimme. Aus dürren Fakten entwickelt sie eine poetische Welt mit ganz eigenem Sog, fantastisch, verwirrend, schwindelnd formenreich wie der Merzbau. Ein Strudel, der einen unwillkürlich erfasst, so man sich darauf einlässt. Und der zu dem Gedanken verführt, dass wir letztlich alle Unbehauste sind, die nach so etwas wie Wahrhaftigkeit suchen. Außerhalb, aber noch mehr innerhalb von uns selbst.

»Schwitters« ist eines jener Bücher, die in jeder Bibliothek stehen sollten, weil sie in gewisser Weise an das Geheimnis des Lebens rühren und Horizonte erweitern, nicht nur literarische. Der Roman wurde von der Kritik gefeiert und 2020 mit dem Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Völlig zurecht.

Buchtipp von Astrida Wallat