»Die Spur des Schweigens« von Amelie Fried

Was geschieht, wenn man sein Schweigen bricht ...

Buchtipp Spur des Schweigens

Julia, eine bis dato mittelmäßig erfolgreiche Journalistin Ende Dreißig, träumt von der Chance auf die ganz große Story. Diese scheint sich zu bieten, als sie Hinweise auf sexuellen Missbrauch an einem renommierten Forschungsinstitut erhält. Im Rahmen ihrer Recherchen gerät sie in ein Netz aus Schweigen, Intrigen, Machtkämpfen. Es ist wie ein Treibsand, der auch sie selbst mitzureißen droht, weil ihr vor über zehn Jahren spurlos verschwundener und zuvor sehr verschlossener Bruder Robert ein Mitarbeiter eben jener Institution war. Julia muss sich nicht nur den Wünschen, die sie an das gegenwärtige Leben hat, stellen, sondern insbesondere ihrer Vergangenheit. Am Ende wird sie in vieler Hinsicht klüger sein, unter anderem dahingehend, dass alles seinen Preis hat, nicht zuletzt die perfekte Story …

Die Reaktionen auf diesen Roman über die Me-Too-Debatte von Amelie Fried waren gespalten. Manche fanden ihn zu eindimensional, zu sehr bestimmten Klischees verhaftet, die die Debatte mit sich bringt (»Wenn du schweigst, machst du dich mitschuldig …«). Ich persönlich hatte vielmehr den Eindruck, dass das Buch auf sehr facettenreiche Weise die Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten spiegelt, die dieses problembesetzte Thema mit sich bringt. Was passiert Betroffenen, wenn sie ihr Schweigen brechen? Wem soll man als Außenstehender glauben, wen verurteilen? Wie soll man damit weiterleben, wenn man wegsieht, und wie wenn man hinsieht? Manches mag etwas überkonstruiert sein, und gerade das Verhältnis zwischen Julia und ihren beiden Freundinnen wirkt streckenweise wie einem jener typischen Frauenromane entnommen, in denen auf heiter-sarkastische Weise die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verhandelt werden. Vielleicht aber reflektiert letztlich ja auch das einen Teil des Problems. Ich halte den Roman jedenfalls für durchdacht geplottet und spannend geschrieben. Als literarischer Beitrag zum Thema und intelligentes »Buch der Stunde« ist er sehr lesenswert. Und zu dem überaus starken Cover kann man dem Verlag nur gratulieren.

Mit dieser Empfehlung verabschiedet sich der Tipp der Woche zugleich in die Weihnachtspause. Neues aus unserer Bücherei gibt es dann im Januar. Nutzen Sie die Zeit zwischen den Jahren ausführlich zum Lesen, machen Sie es sich trotz allem gemütlich und bleiben Sie gesund!

Ihre Astrida Wallat