»Ein Sommer in Niendorf« von Heinz Strunck

Unmondäner Verfall

Ein Sommer in Niendorf

Protagonist Roth, ein bürgerlicher Jedermann – gut verdienend, mit Problemen wie sie viele haben (Jobroutine, eine Scheidung, eine renitente Tochter etc.), reist in den kleinen Ort Niendorf, um sich selbst zu verwirklichen. Ein Sabbatical hat er genommen, denn er ist wild dazu entschlossen, ein Buch zu schreiben. Nicht irgend eines, sondern ein bedeutendes, das zugleich eine Abrechnung mit seinem Vater darstellten soll. Niendorf, wo sich 1952 die Gruppe 47 zu ihrer 10. Tagung traf, scheint ihm dafür die perfekte natürliche Umgebung. Freilich ist Roth kein Schriftsteller, sondern Jurist, aber wie den Juristen in der heutigen Berufswelt alles zugetraut wird, traut auch er sich alles zu. Zunächst. Relativ schnell wird er krachend daran scheitern, aus seinen Tonbandaufnahmen einen lesbaren Text zu formen. Stattdessen gibt er sich dem Alkohol hin, nächtlichen Ausschweifungen – hoffnungslose Schwärmereien für eine hübsche Bedienung inklusive – und einer seltsamen Hassliebe zum dauerbetrunkenen Faktotum Breda. Je mehr er dem aus dem Weg zu gehen sucht, umso mehr scheint er ihn magnetisch anzuziehen. Ein beispielloser Verfall nimmt seinen Lauf, an dessen Ende der Bürgerliche Roth eingehegt ist – in einen Ort, der nur eine kurze Durchgangsstation sein sollte, an der Seite einer Frau, welche vorher die Inkarnation eines Albtraums darstellte. Das Schlimme daran: Er wirkt nicht unzufrieden ...

Ein Buch, das schon vom Verlag als eine Art norddeutscher »Tod in Venedig« angekündigt wurde – das weckt Erwartungen, die eigentlich nur unterboten werden können. Ich persönlich muss allerdings sagen, dass ich an Manns Novelle gar nicht so sehr gedacht hätte, wäre mir dies nicht intensiv nahegelegt worden. Gustav von Aschenbach ist nicht Roth und Venedig nicht Niendorf. Die überwiegend positive Beurteilung der Rezensenten und Rezensenten teile ich allerdings durchaus. Roths Erzählung ist ein Text von geradezu archaischer Wucht. Alles geschieht in einer Gnadenlosigkeit und Folgerichtigkeit, die manchmal sprachlos machen. Jedem Entsetzen folgt ein Schlimmeres, alle Farbe, alles Glück verblasst. Es gibt keinen Halt mehr, keine Orientierung, am Ende steht das absolute Elend. Und das hat einen Namen: Niendorf. Sicher keine Wohlfühllektüre, aber eine, über die man länger nachdenkt.

Buchtipp von Astrida Wallat